Eigenverantwortliches Lernen – Der Trainingsraum

Die Einführung des Trainingsraums

In einer schulischen Gemeinschaft muss es für Schülerinnen und Schüler Regeln, Pflichten und Rechte geben, ohne die ein geordnetes und friedliches Zusammenleben nicht möglich ist. Bezieht man diese Aussage auf die Praxis, so müssen wir immer wieder feststellen, dass das Bestreben der Lehrer guten Unterricht in geeigneter Lernatmosphäre durchzuführen, häufig von Störattacken einiger Schülerinnen und Schüler durchbrochen wird, sodass Hinweise, Ermahnungen und fruchtlose Diskussionen oft zum Alltag gehören.

Diese Situation führt zu Frustration bei den Lehrern, weil die Vorbereitung und investierte Unterrichtszeit keine Früchte tragen konnten sowie zu Frustration bei Schülerinnen und Schüler, weil sie nicht ungestört zum Thema arbeiten konnten. Unter diesen Beeinträchtigungen leiden alle Beteiligten, auch die Störer selber.

Diese Situation wurde in Lehrerkonferenzen sowie in allen Mitwirkungsgremien auf Lehrer-, Eltern- und Schülerebene diskutiert und die entsprechenden Beschlüsse wurden gefasst. Zum Schuljahr 2001/2002 wurde der Trainingsraum verbindlich eingeführt. Hiermit haben wir die Normalität für den Schulunterricht neu definiert, dem Unterricht Störfaktoren genommen und mehr gegenseitigen Respekt, Ruhe, Konzentration und Aufmerksamkeit gewonnen.

Ziele und Funktionsweise des Trainingsraums

Der Ursprung des Trainingsraums liegt in Phoenix, Arizona. Dort wurde er zuerst 1994 von E. Ford eingeführt, unter Leitung von Dr. Stefan Balke in Bielefeld zum ersten Mal 1996 in Deutschland praktiziert und wird seither von weiteren Schulen adaptiert.

Das wesentliche Ziel des Programms besteht darin, die lernbereiten Schüler zu schützen und ihnen entspannten, ungestörten Unterricht anzubieten. Das zweite Ziel besteht darin, häufig störenden Schülern Hilfen anzubieten, die darauf ausgerichtet sind, dass sie ihr Sozialverhalten verbessern und die notwendigen sozialen Schlüsselqualifikationen erwerben. Die Schule kann mit dem Programm den lernbereiten Schülern einen entspannten und weniger oft gestörten Unterricht garantieren. Davon profitieren nicht zuletzt auch die Lehrerinnen und Lehrer selbst.

Das Programm basiert auf der Maxime des gegenseitigen Respekts. Bezieht man diese Maxime auf die konkrete Situation in der Klasse, so lassen sich die folgenden Regeln ableiten:

  1. JEDE SCHÜLERIN UND JEDER SCHÜLER HAT DAS RECHT UNGESTÖRT ZU LERNEN.
  2. JEDE LEHRERIN UND JEDER LEHRER HAT DAS RECHT UNGESTÖRT ZU UNTERRICHTEN.
  3. JEDE / JEDER MUSS STETS DIE RECHTE DES ANDEREN RESPEKTIEREN.

Praktischer Ablauf

Wenn der Lehrer bemerkt, dass ein Schüler ihn oder seine Mitschüler beim Arbeiten stört und auch nach einer respektvollen Ermahnung nicht bereit ist einzulenken, schickt er diesen Schüler in den Trainingsraum. Dort erhält er nach einem kurzen Vorgespräch den Trainingsraumbogen den er sorgfältig zu bearbeiten hat.

Es wird dann mit dem Trainingsraumlehrer — bei uns in der Regel ein Mitglied der Schulleitung — ein Gespräch mit dem Ziel geführt, auf der Grundlage des Rückkehrplans gemeinsam zu überlegen, wie der Schüler es schaffen kann, sich zukünftig besser an die Regeln zu halten. Hier wird nicht mehr nur der Anlass der einzelnen Störung thematisiert, sondern es werden auch übergreifende Themen wie z. B. Vertrauen und Verlässlichkeit besprochen.

Der Schüler geht dann mit einer Kopie seines Trainingsraumbogens in seine Klasse zurück. Akzeptiert der Fachlehrer seinen Plan, kann der Schüler wieder normal am Unterricht seiner Klasse teilnehmen.
Wird der Plan vom Fachlehrer nicht akzeptiert, muss der Schüler seinen Plan noch einmal verbessern und dann erneut um Wiedereinstieg in den Unterricht bitten. Letzteres geschieht äußerst selten, weil kein Schüler Interesse an falscher Darstellung oder oberflächlicher Rückkehrplanung hat, vielmehr das dringende und wichtige Ziel haben wird, wieder am Unterricht teilzunehmen und Teil der Gemeinschaft zu sein.

Es liegt in der Eigenverantwortung der Schüler, den versäumten Unterrichtsstoff nachzuarbeiten.

Sollte der Fall eintreten, dass ein Schüler bereits zum dritten Mal in den Trainingsraum geschickt wird, so erhält er ein Elternanschreiben mit einem Tadel, wird direkt nach Hause entlassen und darf erst in Begleitung eines Elternteiles in die Schule zurückkehren. Dort findet dann ein Beratungsgespräch mit der Schulleitung statt. Wird der Schüler erneut dreimal rückfällig, erhält er eine Ordnungsmaßnahme.
Die Elterngespräche sind oft sehr konstruktiv, weil eine Zusammenarbeit und nicht eine Schuldzuweisung angestrebt wird. Hier werden auch erziehungsbegleitende Absprachen getroffen, nicht selten hat sich dadurch auch der Weg zu psychologischen Beratungsstellen und zu professioneller Hilfe geöffnet.

Der Trainingsraum ist ein wichtiger Beitrag zum erziehenden Unterricht. Wir Lehrer ändern unsere Einstellung zu Konflikten, selbst häufig störende Schüler werden weniger als Personen gesehen, die zu sanktionieren sind, sondern die besondere Hilfe und Unterstützung benötigen. Die Schüler haben gelernt, sich an Regeln zu halten, sie werden in ihrer Entscheidungsfähigkeit gestärkt und üben sich darin, Konsequenzen ihres Verhaltens im Auge zu haben. Sie haben die Möglichkeit, immer wieder an ihren spezifischen Defiziten im Bereich des sozialen Verhaltens zu arbeiten. Damit stellt der Trainingsraum eine Möglichkeit dar, die soziale Kompetenz der Schüler zu erhöhen.

Hier finden Sie den Beratungsbogen für das Gespräch im Trainingsraum.